Raumzeit
Der Podcast mit Tim Pritlove über Raumfahrt und andere kosmische Angelegenheiten
https://raumzeit-podcast.de


RZ111 CERN: Geschichte und Erfolge

Das CERN in Genf und die Grundlagenforschung für Teilchenphysik

1954 gegründet, war das CERN von Anfang an Friedens- und Forschungsprojekt in einem. Der aufsteigenden Bedeutung der Kernforschung trug dieser neue Standort in Genf Rechnung und versammelte Wissenschaftler aus Europa und aller Welt, um zu erforschen, was die Welt im innersten zusammenhält. In seiner über 70-jährigen Geschichte konnte das CERN nicht nur grundlegende wissenschaftliche Erkenntnisse liefern sondern machte auch durch nebenläufige Durchbrüche wie die Erfindung des World Wide Webs von sich reden. Als 2012 durch die Experimente am CERN auch noch das lang gesuchte Higgsfeld bestätigt und damit der letzte gesuchte Baustein des Standardmodells der Teilchenphysik gefunden wurde, hatte das CERN die Aufmerksamkeit der ganzen Welt und steht seitdem wie kein anderer Standort für die Bedeutung der Grundlagenforschung in der Wissenschaft.

https://raumzeit-podcast.de/2023/07/05/rz111-cern-geschichte-und-erfolge/
Veröffentlicht am: 5. Juli 2023
Dauer: 1:37:04


Kapitel

  1. Intro 00:00:00.000
  2. Begrüßung 00:00:34.929
  3. Experimental Physics Department 00:01:59.012
  4. Persönlicher Hintergrund 00:03:41.830
  5. Gründung des CERN 00:04:59.375
  6. Beginn der Kernforschung 00:09:06.732
  7. Teilchenbeschleuniger am CERN 00:18:44.341
  8. Technischer Aufbau von Beschleunigern 00:23:37.846
  9. Erste Erkenntnisse am CERN 00:28:18.810
  10. Die Expansion des CERN 00:38:19.617
  11. Weitere Meilensteine 00:44:30.438
  12. Entdeckung des Higgsfelds 00:48:51.819
  13. Zukunft des CERN 01:23:31.531
  14. Ausklang 01:34:54.063

Transkript

Tim Pritlove
0:00:34
Manfred Krammer
0:01:45
Tim Pritlove
0:01:56
Manfred Krammer
0:02:04
Tim Pritlove
0:02:09
Manfred Krammer
0:02:17
Tim Pritlove
0:02:32
Manfred Krammer
0:02:34
Tim Pritlove
0:02:48
Manfred Krammer
0:02:51
Tim Pritlove
0:03:11
Manfred Krammer
0:03:19
Tim Pritlove
0:03:41
Manfred Krammer
0:03:49
Tim Pritlove
0:04:45
Manfred Krammer
0:04:48
Tim Pritlove
0:04:56

Kann ich mir vorstellen. Heute wollen wir ja so ein bisschen mal in Geschichte und Wesen der Organisation einsteigen und ich kann auch gleich verraten, das wird hier nicht die letzte Sendung sein, die ich vom CERN sende oder hier aufnehme, sondern es wird eine ganze Reihe von Gesprächen geben, die hier ins Detail gehen, insbesondere was die einzelnen Instrumente betrifft und wir wollen das halt dann entsprechend noch vertiefen. Das ist also jetzt in gewisser Hinsicht nur der Auftakt. Und ja, jetzt müssen wir mal so ein bisschen in die Geschichte auch der Wissenschaft zurückrudern, weil Kernforschung, klar, das war dann halt irgendwann mal ein Thema, aber gab ja auch mal eine Zeit, da wusste man noch gar nicht, dass es sowas gibt wie ein Kern. Also konkret geht es ja hier um den Atomkern, die Atomkernforschung und das ist ja sagen wir mal in dem Bereich auch wirklich der Ort für Grundlagenforschung. Also sehr viel mehr Grundlagenforschung glaube ich als hier geht nicht. Und wer sich vielleicht auch gewundert hat, warum ich das Thema überhaupt hier in einen Podcast reinwerfe, der eigentlich ganz klar mit Raumfahrt angefangen hat. Für mich ist so ein bisschen Zern Raumfahrt auf dem Boden, so wie Raumfahrt ja auch oft so ein bisschen Zern in Space ist. Also nicht alles ist deckungsgleich, aber sehr viel der Erkenntnislage wird ja im Weltall gewonnen. Aber vieles wird eben auch teilweise hier gewonnen und letzten Endes arbeiten beide Bereiche ja extrem an der Erforschung der Grundlagen. Aber wann entstand denn überhaupt in der Wissenschaft die Notwendigkeit diese Art von Forschung vorzunehmen?

Manfred Krammer
0:06:45

Ja, vielleicht sollte man, wenn man über die Geschichte des CERN spricht, auch die Motivation für die Gründung des CERN erwähnen. CERN wurde 1954 gegründet, also nächstes Jahr feiern wir 70 Jahre. Und eine der Hauptmotivationen für die Gründung war, den CERN als eine Art Integrationsprojekt für westeuropäische Wissenschaftler zu gründen, kurz nach dem furchtbaren Zweiten Weltkrieg. Da sah man darin eine Notwendigkeit. Der CERN war sozusagen eines der ersten Integrationsprojekte in Europa. Und als Forschungszweig hatte man, wie Sie schon erwähnt haben, Kernphysik ausgewählt. Und das war damals die Zeit, als man begonnen hat, kernphysikalische Untersuchungen mit Beschleunigern durchzuführen. Und daher wurde als erstes Gerät hier am CERN, aus heutiger Sicht ein relativ kleiner Beschleuniger, das Synchrozyklotron, gebaut. Das ist eine Maschine, die man heute als Museumsstück noch an dem Originalort besichtigen kann, passt in eine Halle, ist ein großer Magnet, in dem Protonen auf gewisse Energien beschleunigt werden und dann für kernphysikalische Untersuchungen zur Verfügung stehen. Und damit hat man damals exotische Teilchen untersucht. Diese hat man vorher in der kosmischen Strahlung gefunden. Die Erde wird ja andauernd von der kosmischen Strahlung bombardiert, die größtenteils aus Protonen besteht. Und diese Protonen erzeugen kernphysikalische Reaktionen in der Atmosphäre. Und bei Untersuchung dieser, was dann bis zur Erde herunterkommt, die langlebigen Teilchen, hat man Teilchen gefunden, die neu sind, die exotisch waren. Das ist zum Beispiel das Myon, ein schwerer Verwandter des Elektrons, beziehungsweise hat man dann Teilchen gefunden, die auch nicht in das damalige sehr einfache Schema gepasst haben. Aber natürlich, Untersuchungen der kosmischen Strahlung, das lässt sich sehr schwer planen. Und wie ich bereits gesagt habe, nur die langlebigen Teilchen, die bei diesen Reaktionen entstehen, kommen bis zur Erdoberfläche. Daher war der nächste Schritt, man macht das kontrolliert mit Hilfe von Beschleunigern.

Tim Pritlove
0:09:07
Manfred Krammer
0:10:02
Tim Pritlove
0:10:54
Manfred Krammer
0:11:02
Tim Pritlove
0:11:09
Manfred Krammer
0:11:23
Tim Pritlove
0:11:53
Manfred Krammer
0:11:59
Tim Pritlove
0:12:34
Manfred Krammer
0:13:06
Tim Pritlove
0:14:42
Manfred Krammer
0:15:24
Tim Pritlove
0:15:59
Manfred Krammer
0:16:06
Tim Pritlove
0:16:20
Manfred Krammer
0:16:21
Tim Pritlove
0:17:07
Manfred Krammer
0:17:18
Tim Pritlove
0:17:55
Manfred Krammer
0:19:07
Tim Pritlove
0:20:33

Dann münden wir doch mal sozusagen in die konkrete Entstehungsgeschichte ein. Also die Wissenschaft hat sozusagen erstmal festgestellt, gut, Kernforschung ist wichtig, weil das ist etwas, was uns überhaupt erstmal die Grundlagen bringt, Physik überhaupt zu verstehen und die offenen Fragen zu beantworten. Und mit den Grundlagen, die so in den 30er Jahren gelegt wurden, theoretischer Natur und dann praktischer Natur, kann man dann eben schnell auf diesen Punkt so beschleunigen, sind ein wenig der Schlüssel zur Erkenntnis. Das würde ich mal so festhalten. Also es ist jetzt nicht nur so irgendeine Technologie, sondern es ist schon so eine richtige Schlüsseltechnologie, die wirklich dazu beitragen kann, diesen Teilchen zu überhaupt erstmal zu kartieren und dann eben auch daraus Schlüsse zu ziehen, was gehört jetzt hier eigentlich zu was, was hat worauf einen Einfluss, was besteht aus was. Also Beschleuniger sind nicht irgendwas, sondern Beschleuniger sind sozusagen essentiell. Und das ist dann das, was letzten Endes, gerade eben nach dem Krieg, sozusagen das verbindende Element war, wo man gesagt hat, okay es ist jetzt Zeit für ein wirklich großes wissenschaftliches Gesamtexperiment und einen neuen Standort und dann eben in dem Zuge vielleicht auch noch so ein Friedensprojekt, um an dieser Stelle die Grundlage zu schaffen für die weitere wissenschaftliche Forschung. Kann man das so stehen lassen? Ja, ja. Dann sind wir jetzt sozusagen in den 50er Jahren. Womit fing es denn hier an?

Manfred Krammer
0:22:10
Tim Pritlove
0:23:38
Manfred Krammer
0:24:16

Ja zum einen muss ich das widersprechen, man macht es auch mit Haushaltsgeräten. Tatsächlich. zumindestens die Zuhörer, die noch einen Röhrenfernseher zu Hause haben, das ist ein einfacher Beschleuniger. Die Elektronen werden in der Röhre beschleunigt und treffen dann den Schirm und erzeugen den Lichtblitz. Ein einfacher Beschleuniger. Durch Anlegen eines elektrischen Feldes werden Elektronen beschleunigt. Das ist das Grundprinzip eigentlich, nachdem auch die großen Beschleuniger funktionieren. Auch hier erzeugen wir ein elektrostatisches Feld. Und in diesem Feld, bei Durchlaufen des Feldes, werden die geladenen Teilchen, egal ob es jetzt Elektronen oder Protonen sind, beschleunigt. So, das ist das einfache Prinzip eines Linearbeschleunigers. Jetzt, Linearbeschleuniger hat natürlich das Problem, dass man die Teilchen, dass er sehr lang werden kann. Und daher ist man übergegangen, Kreisbeschleuniger zu bauen. Und um geladene Teilchen auf einem Kreis zu halten, braucht man Magneten. Ein geladenes Teilchen, das fliegt, beschleunigt wird, würde nur geradeaus fliegen. Jetzt brauche ich einen Magneten, um die Teilchen auf eine Kreisbahn zu zwingen. Und dann kann ich die Teilchen durch dieses elektrostatische Feld bei jeder Umdrehung durchschicken. Ich habe also eine Beschleunigungsstrecke und die Teilchen fliegen da zigmal in der Sekunde durch und werden zu immer höheren Energien beschleunigt. Das ist der Prinzip eines Kreisbeschleunigens. Also ich brauche ein elektrostatisches Feld und Magneten, die die Teilchen auf einer Kreisbahn halten. Die Energie ist jetzt beschränkt durch die Energie, die ich zuführen kann durch das elektrostatische Feld, aber auch durch die Abstrahlung, die Teilchen produzieren, wenn sie auf einer Kreisbahn fliegen. Ein Teilchen, das in eine Kreisbahn gezwungen wird, strahlt Energie ab, die ich wieder zuführen muss. Das kann ich jetzt insofern umgehen, als ich immer mehr Energie zuführe oder den Ring größer machen, damit weniger abgestrahlt wird. Das ist das Wechselspiel zwischen Größe eines Beschleunigers, elektrostatisches Feld und dann auch Magnetfeld. Das ist der Grund, warum, wenn ich zu höheren Beschleunigern komme, möchte ich zu höheren Energien kommen, weil ich immer größere Ringe brauche.

Tim Pritlove
0:26:47
Manfred Krammer
0:27:04
Tim Pritlove
0:28:05
Manfred Krammer
0:28:13
Tim Pritlove
0:28:18
Manfred Krammer
0:28:36
Tim Pritlove
0:30:08

Um es gleich mal, um ein paar Leute noch mitzunehmen, weil man kommt ja hier schnell ins Schlingern in dieser ganzen Begriffswelt. Also Quarks, Leptonen, grob gesagt Quarks so ein bisschen das was so die Grundlage für die Atomkerne darstellt, Leptonen ist quasi mehr so die Elektronenwelt, beides zusammen macht ja so die Atome aus. Und die vier Kräfte sind ja, ich frage ab und zu mal so Leute nach den vier Grundkräften und es ist gar nicht so, wie soll ich sagen, also Gravitation hat jeder schon mal gehört, beim Rest gibt's unterschiedliche Antworten. Schwache Kernkraft ist halt so ein bisschen die Treibkraft hinter der Radioaktivität, das was irgendwie sozusagen auch in der Lage ist so die Atome wieder zu zersetzen, die ja ansonsten sehr stabil sind. Die starke Kernkraft hält alles zusammen und die elektromagnetische Kraft ist ja sagen wir mal die bekannteste, das ist so das was uns hier irgendwie ermöglicht am Tisch zu sitzen und nicht in tausend Strahlen zu zerfließen. Das. Heißt... Diese erste Erkenntnis war vor allem erstmal eine Erforschung dieser schwachen Kraft, primär, die einem viele Rätsel aufgegeben hat und überhaupt die Radioaktivität auch so ein bisschen am Anfang der ganzen Idee des Teilchen Zoos auch stand. Was hat dann diese Erkenntnis der neutralen Ströme klar gemacht? Also war das sozusagen eine Erfüllung einer lang gepflegten Theorie und wo man sich schon immer gedacht hat, das müsste so sein oder war das dann so revolutionär mit so oh hoppala ist ja ganz anders als wir gedacht haben?

Manfred Krammer
0:31:56
Tim Pritlove
0:32:55
Manfred Krammer
0:33:00
Tim Pritlove
0:33:02
Manfred Krammer
0:33:40
Tim Pritlove
0:34:02
Manfred Krammer
0:34:35
Tim Pritlove
0:35:49
Manfred Krammer
0:36:19
Tim Pritlove
0:36:58
Manfred Krammer
0:37:17
Tim Pritlove
0:37:33
Manfred Krammer
0:37:34
Tim Pritlove
0:37:54
Manfred Krammer
0:37:58
Tim Pritlove
0:38:20
Manfred Krammer
0:38:53
Tim Pritlove
0:40:17
Manfred Krammer
0:41:59

Diese Aufbruchstimmung und diese Technologie, glaube ich, war damals sicher präsent. Obwohl im Namen des CERN Kernphysik vorkommt, hat sich der CERN aber relativ rasch zu wirklich der fundamentalen Grundlagenforschung entwickelt. Hier am CERN wurde nie Kernphysik an sich betrieben. Ich muss jetzt vorsichtig sein, wir haben nämlich einige Einrichtungen hier am CERN, wo wir sehr wohl kernphysikalische Untersuchungen machen. Aber am CERN wurde nie an Atomkraftwerken und schon gar nicht an irgendwelchen Militärforschungen, Das wurde ja von vornherein ausgeschlossen, in der Konvention gearbeitet. Also der CERN hat sehr früh wirklich die fundamentalen Fragen versucht zu beantworten, was die Welt, wie Sie gesagt haben, innestens zusammenhält. Und daher, der CERN wurde, glaube ich, schon eher als Grundlagenprojekt gesehen und weniger als eine Einrichtung, die angewandte Forschung betreibt. Erst später hat man dann vielleicht erkannt, dass diese Grundlagenforschung sehr viel produziert und entwickelt, was man im angewandten Bereich braucht. Beschleunigertechnologie, auch die Detektoren, die wir entwickeln, ist der zweite große Bereich am CERN, wird vielfach in der Medizin verwendet. Computing, World Wide Web brauche ich glaube ich nicht extra erwähnen, aber die ursprünglichen Ziele und nach wie vor die Ziele des CERN sind absolute Grundlagenforschung, für die es unmittelbar keine Anwendung gibt. Vielleicht darf man auch nicht vergessen, denke ich zumindest, dass am Beginn des CERN, die Maschinen, die wir jetzt besprochen haben, vielleicht bis hin zum SBS, der dann immerhin schon sieben Kilometer war, keine so riesigen, gigantischen Projekte sind, wie wir sie jetzt vielleicht sehen. Das hat sich ja alles mit der Zeit entwickelt. Das waren ja am Beginn kleine Gruppen, wenige Leute, die Experimente gemacht haben. Erst mit der Zeit, als die Beschleunigung immer größer wurden, die Experimente immer komplexer, die Fragestellungen immer komplexer, hat sich das hin zu Kollaborationen entwickelt, die jetzt aus 3000 Wissenschaftlern bestehen. Eine Entwicklung, die übrigens nicht nur in der Teilchenphysik stattgefunden hat, sondern auch in anderen Bereichen der Wissenschaft.

Tim Pritlove
0:44:30
Manfred Krammer
0:44:51
Tim Pritlove
0:46:15
Manfred Krammer
0:46:17
Tim Pritlove
0:46:34
Manfred Krammer
0:46:38
Tim Pritlove
0:46:39
Manfred Krammer
0:46:43
Tim Pritlove
0:48:17
Manfred Krammer
0:48:30
Tim Pritlove
0:48:41
Manfred Krammer
0:48:43
Tim Pritlove
0:48:53
Manfred Krammer
0:48:57
Tim Pritlove
0:50:32
Manfred Krammer
0:51:55
Tim Pritlove
0:52:08

Die Teilchen, genau. Weil das Bild hat mir ehrlich gesagt sehr geholfen dabei, weil so dieses, diese ganze Welt aus so herumfliegenden Objekten sich zusammenzubauen, macht's auch irgendwie schwierig, weil einfach alles permanent irgendwie kollidiert und wie ein riesiger Billardtisch funktionieren würde. Aber sozusagen alles so ein bisschen als wabernde Masse zu verstehen, wo sich dann irgendwie immer wieder was konkretisiert, das passt ja dann auch irgendwie gut so mit diesen Beschreibungen zusammen in der Quantentheorie, dass ja alles ja Welle und Teilchen gleichzeitig ist, dieser Dualismus, dieses Dinge sind nicht so konkret greifbar, ich kann sagen mit welcher Wahrscheinlichkeit irgendwas irgendwo ist, aber nichts ist wirklich total bestimmt. Was ja sagen wir mal auch die einfache Physik am Anfang des 20. Jahrhunderts auch so ein bisschen in Wallung gebracht hat, wo ja auch viele, ich glaube auch Einstein, so ein bisschen ihre Zweifel hatten, dass das sozusagen so ein Bild sein kann, mit dem sich alles erklären lässt, weil man eigentlich ja bis dahin immer so ein bisschen Konkretes haben wollte, Festgelegtes haben wollte, Abzählbares haben wollte und das ja sagen wir mal Blick aufs große auch irgendwie gepasst hat. Allgemeine Relativitätstheorie war in der Lage so das Weltall zu beschreiben und auf einmal passte die Bewegung der Planeten und es ging irgendwie alles wunderbar auf und diesen großen Dimensionen, ja konnte man das alles so nachvollziehen, aber umso mehr man ins Kleine schaute, umso waberiger und unbestimmter wurde irgendwie alles und das dann irgendwie zusammenzubringen ist ja im Prinzip auch immer noch so ein bisschen die Aufgabe. Also diese Felder spielen einfach eine große Rolle und das Higgs-Boson, um da jetzt drauf zu kommen, oder die Higgs-Entdeckung, oder sagen wir überhaupt erstmal die Theorie vom Higgs, ist ja sozusagen der Ansatz. Okay, wie, was ist überhaupt Masse? Und damit in letzter Linie auch so die Frage, was ist überhaupt Energie, wenn das sozusagen das gleiche ist, was ist das für eine Eigenschaft und wovon eigentlich? Und diese Theorie, wann wurde die aufgestellt?

Manfred Krammer
0:54:31
Tim Pritlove
0:54:33
Manfred Krammer
0:55:03
Tim Pritlove
0:56:07
Manfred Krammer
0:56:49
Tim Pritlove
0:57:48
Manfred Krammer
0:57:50

In einer einzigen Kollision. Wir haben aber jetzt eine Milliarde Kollisionen pro Sekunde, rund um die Uhr, fast das ganze Jahr. Das heißt, die Detektoren, die Experimente müssen so aufgebaut sein, dass sie zum einen die Kollisionen auseinander dividieren können, messen können, was dabei entstanden ist, und dann vergleichen wir in der Analyse mit dem, was wir erwarten. Wir vergleichen zum Beispiel die Verteilung gewisser Teilchen mit einem Modell ohne Higgs und mit einem Modell mit Higgs. Und dann schauen wir, was besser passt. Detail ist natürlich komplizierter. Zum einen machen wir eine blinde Analyse, damit wir das Ergebnis nicht, wir wollen ein Higgs finden und dann drehen wir so lange an den Parametern der Analyse, bis wir das wirklich finden. Also diese Analyse, was ich gerade gesagt habe, die wird blind gemacht. Das heißt, der Bereich, den man untersucht, der wird nie gezeigt auf dem Platz. Man definiert die Analyse, das sind ganze Teams von hunderten Leuten, die daran arbeiten. Man definiert die Suche, man definiert die Simulation, die Vergleiche und wenn man dann sicher ist, dass alles passen muss, dann öffnet man sozusagen die Box und schaut nach, ob das, was man sieht, der Theorie mit Higgs oder ohne Higgs entspricht. Und dann sieht man, dann hat man vielleicht dann die Zuhörer ja damals diese Plots 2012 gesehen, Da sieht man eine Verteilung, die hat eine kontinuierliche Kurve und irgendwo plötzlich steht ein Peak heraus. Und da haben wir dann das X-Boson identifiziert.

Tim Pritlove
0:59:36
Manfred Krammer
1:00:18
Tim Pritlove
1:00:24
Manfred Krammer
1:00:34
Tim Pritlove
1:00:36
Manfred Krammer
1:00:44
Tim Pritlove
1:00:50
Manfred Krammer
1:01:01
Tim Pritlove
1:01:15
Manfred Krammer
1:01:16
Tim Pritlove
1:01:23
Manfred Krammer
1:02:21

Der Nachweis gelang relativ rasch. Mit den Daten von ungefähr einem Jahr hatte man die Gewissheit, dass die Abweichung von der Theorie ohne Higgs deutlich genug ist, dass man eindeutig sagen kann, da ist etwas Neues passiert. Das hat ungefähr die Eigenschaft eines Higgs-Posons und für die Entdeckung hat das ausgereicht. Aber jetzt, was wir seitdem machen, seit zehn Jahren, ist, genauer zu studieren dieses Teilchen. Und zwar auf der einen Seite die Reaktionen, die zur Erzeugung eines Higgs-Bosons führen. Darum gibt es eine ganze Reihe. Und dann auch die Zerfallsmechanismen. Das Higgs-Boson kann in alle bekannten Teilchen mit Masse zerfallen. Das ist ja sozusagen die Essenz des Higgs-Bosons, es koppelt an alle Teilchen mit Masse. Das heißt, in erster Linie zerfällt es in Teilchen mit großer Masse, dann mit geringer Statistik in kleinere und so weiter. Und das untersuchen wir jetzt. Und dazu brauchen wir viele dieser Experimente. Jede Kollision ist sozusagen ein Experiment, bei der eine dieser Reaktionen abläuft. In den seltensten Fällen entsteht ein Higgs-Boson. Es entstehen natürlich alle anderen Teilchen, wie ich schon gesagt habe. Man darf auch nicht glauben, dass wir am LHC nur das Higgs-Boson untersuchen. Die großen Experimente machen, wenn ich jetzt grob schätze, dürfte an die 100 verschiedene Analysen gleichzeitig, wovon nur wenige das Higgs-Boson betreffen. Es gibt dann Analysen, um detailliert andere Teilchen des Standardmodells zu untersuchen, wo erst jetzt die Energie zur Verfügung steht. Es gibt viele Suchen nach zusätzlichen neuen Teilchen oder Feldern. Also es ist eine riesen Bandbreite. Es arbeiten ja nicht umsonst mehrere tausend Physiker pro Experiment. Und viele hunderte, auch mehrere tausende in Summe, an all den vier LHC-Experimenten. Studenten machen ihre Dissertation. Die arbeiten nicht alle an den Higgs-Boson. Aber natürlich, nachdem der LHC die einzige Maschine ist, die Higgs-Bosonen produzieren kann, ist das natürlich ein Gebiet, das wir mit hoher Priorität untersuchen.

Tim Pritlove
1:04:42
Manfred Krammer
1:05:58

Ja, und der Grund ist diese Blind Analysis, von der ich vorher gesprochen habe. Ein, zwei Wochen vorher wussten selbst wir nicht, dass wir wirklich schon bei dieser Entdeckung sind. Weil es gab die beiden Experimente, Atlas und CMS, die mit unterschiedlichen Experimenten, unterschiedlichen Detektoren, unterschiedlicher Software, unterschiedlichen Personen ihre Daten analysieren. Damit ist sichergestellt, dass die Ergebnisse völlig unabhängig sind. Diese Gruppen reden auch nicht miteinander. Es gibt sogar Geschichten, dass Ehepaare, die eine arbeitete in Atlas, die andere in CMS, die sind heimlich aufs WC gegangen, um zu telefonieren mit ihren Kollegen, als es um die Analyse ging. Und dann kommt es zu diesem Unplugging und dann sehen die Kollaborationen zum ersten Mal, ob sie wirklich was gefunden haben und wie groß die Abweichung ist. Wir müssen ja auch sicherstellen, dass das eindeutig ist. Das peinlichste wäre, der CERN verkündet das X-Poson und ein Jahr später müssen wir sagen, es war doch nur eine statistische Fluktuation. Und da gibt es diese sogenannte 5-Sigma-Grenze in der Teilchenphysik, ab der man von einer Entdeckung spricht. Da ist dann mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen, dass das eine Wahrscheinlichkeit verteilt. Und das heißt, kurz vor der Pressekonferenz wussten erst die Kollaborationen, dass sie etwas haben, aber sie wussten nicht, ob sie beide das gleiche sehen. Das wusste nur ein paar Tage vorher der CERN-Generaldirektor. Der wurde von beiden Kollaborationen informiert und der sah, dass sich diese Entdeckungen entdeckten. Denn es hätte ja sein können, ATLAS findet etwas bei 100 GeV, CMS findet etwas bei 200 GeV und dann glaubt keiner was. Und in dieser Pressekonferenz, Also in dem Seminar, das der Pressekonferenz vorangegangen ist, haben zum ersten Mal die Spokesbörsen bei der Kollaboration ihre Ergebnisse gezeigt.

Tim Pritlove
1:08:09
Manfred Krammer
1:08:40
Tim Pritlove
1:09:13
Manfred Krammer
1:10:10
Tim Pritlove
1:10:23
Manfred Krammer
1:10:29
Tim Pritlove
1:11:09
Manfred Krammer
1:11:10
Tim Pritlove
1:11:12
Manfred Krammer
1:11:14
Tim Pritlove
1:11:24
Manfred Krammer
1:11:49
Tim Pritlove
1:12:33
Manfred Krammer
1:12:34
Tim Pritlove
1:12:42
Manfred Krammer
1:12:59
Tim Pritlove
1:13:05
Manfred Krammer
1:13:10
Tim Pritlove
1:13:27
Manfred Krammer
1:13:31
Tim Pritlove
1:13:43
Manfred Krammer
1:13:45
Tim Pritlove
1:13:52
Manfred Krammer
1:14:24
Tim Pritlove
1:14:29
Manfred Krammer
1:14:31
Tim Pritlove
1:14:55
Manfred Krammer
1:15:29
Tim Pritlove
1:15:52
Manfred Krammer
1:16:03
Tim Pritlove
1:16:28
Manfred Krammer
1:16:29
Tim Pritlove
1:16:32
Manfred Krammer
1:16:36
Tim Pritlove
1:17:05
Manfred Krammer
1:17:18
Tim Pritlove
1:17:41
Manfred Krammer
1:17:42
Tim Pritlove
1:17:55

Das kann ich mir gut vorstellen, man ist ja auch immer so ein Thema in der Wissenschaft, wie kriegt man denn eigentlich auch so die Begeisterung für das Thema mit. Ich merk das ja so ein bisschen als Beobachter von außen, der ich jetzt viel mit Wissenschaftlern aller Couleur spreche, insbesondere halt in der Raumfahrt und wenn man erstmal so spürt wie viel Begeisterung für das Thema dort einfach ist, wie besessen eigentlich alle davon sind, weil in dem Moment wo man sich das halt wirklich mal genauer anschaut auch klar wird, was das Faszinosum ausmacht. Verständnis des Weltalls, der unglaublichen Weite, die Komplexität in unserer Entstehungsgeschichte und des Seins, dass das ja sozusagen, dass dieser Arbeit ja der Schlüssel zu dieser Erkenntnis ist und dass diese Erkenntnis an sich irgendwie einfach eine große Bedeutung hat, weil das ja im Prinzip auch so ein bisschen, sagen wir mal der Plump gesagt, so ein bisschen Sinn und Erläuterung des Lebens und des Seins ist. Andere Leute suchen die Erleuchtung, indem sie meditierend im Wald sitzen und andere versuchen es halt irgendwie Erkenntnisse über Experimente und Theorien zu finden und das ist ja sozusagen das was begeistert, aber nach außen, nachdem eben die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts irgendwie diese Begeisterung auch überall hatte, Ich kann mich noch erinnern, wenn man sich so, Reden von Politikern, was hab ich da mal gesehen, Mitterrand, auch so in der Zeit noch, wie, mit wieviel... Anerkennung und Bewunderung wie für diesen wissenschaftlichen Fortschritt auch in der öffentlichen politischen Diskussion mit der Öffentlichkeit gearbeitet wurde. Das hat dann halt einfach später stark nachgelassen und interessante Geschichten zu erzählen ist heute so ein bisschen glaube ich der Weg und das hier waren es in gewisser Hinsicht so die Unfälle, so dieses irgendwie ja schwarzes Loch die Erde wird verschlungen hö hö hö So hat sich halt einfach gut gemacht und Unfälle kommen ja sowieso immer gut und ich glaube, dass Europa generell auch immer so eine gewisse Kommunikationsschwäche hat, man sieht das ja auch bei der ESA, die im Vergleich zu den Geschichtenerzählern der NASA, die das einfach immer schön dramatisieren können. Ich sag nur so sieben Minuten des Terrors bei einer Marslandung und so weiter. Einfach ein hervorragendes Framing einer wissenschaftlichen Geschichte. Insofern hat das dazu beigetragen. Aber ich denke, dass jetzt schon das CERN einfach auch so einen gewissen Kultstatus dadurch jetzt auch erreicht hat und da war dann diese Higgs Geschichte irgendwie, passt da dann irgendwie auf einmal alles zusammen. So die Suche nach der Erkenntnis, 50 Jahre Wahnzündung glaube ich, seit der Theorie oder so, bis man das dann auch wirklich gefunden hat, das ist natürlich dann auch so ein schöner Rundenschluss gewesen.

Manfred Krammer
1:20:45
Tim Pritlove
1:21:03
Manfred Krammer
1:21:24
Tim Pritlove
1:21:58
Manfred Krammer
1:22:05
Tim Pritlove
1:22:11
Manfred Krammer
1:22:13
Tim Pritlove
1:23:39

Genau, darauf würde ich jetzt auch gerne kommen, weil das ist dunkle Materie, dunkle Energie, das hatten wir hier bei Raumzeit natürlich schon sehr sehr oft. Das sind einfach zwei von ein paar ganz elementaren Fragen der Physik, wo man irgendwie weiß, wir beobachten etwas, das nennen wir so, deswegen heißt es ja dunkel, nicht weil irgendwas wirklich dunkel ist, sondern weil man es einfach nicht weiß. So das verhält sich irgendwie wie Materie, man kann quasi die Schwerkraft bei der Beobachtung des Weltalls feststellen, aber man kann sie nicht auf die normale klassische baryonische Materie, die uns sonst überall umgibt und von der wir wissen, dass sie eben diese Schwerkraft erzeugt, wir sehen diese Materie nicht. Also entweder gibt es irgendeine andere Materie, deswegen auch dieser Arbeitstitel dunkle Materie oder eben was auch immer anderes, was dann eben eine entsprechende Wirkung hat und vielleicht zu der Schwerkraft dazu kommt oder so oder die irgendwie verstärkt. Und die dunkle Energie, genauso dunkel und unklar, die halt in irgendeiner Form das Universum ja nicht nur zu dieser initialen Expansion getrieben hat, sondern ja auch immer noch weiter dazu beiträgt, dass es sich weiter beschleunigt. Also wir wissen mittlerweile, dass die Beschleunigung noch weiterhin zunimmt, zumindest derzeit noch. Und irgendwann unser Universum so auseinander zerrt, bis wir dann irgendwann keine Sterne mehr sehen. Dann sind wir zwar nicht mehr hier, aber theoretisch steht das sozusagen auch noch auf der Liste. Das sind zwei Themen, die hier sicherlich auch mit eine Rolle spielen. Und was sind die nächsten großen Ziele noch darüber hinaus?

Manfred Krammer
1:25:26

Aus den Gründen, die ich gerade gesagt habe, dass das Higgs so interessant ist, sind wir uns, und wenn ich uns sage, dann denke ich schon, die Experimentalphysiker und die Theoretiker einig, dass wir eine Maschine brauchen, mit der wir das Higgs besonders genau untersuchen können. Und mit dem LHC haben wir einen Beschleuniger, der Higgs-Teilchen erzeugen kann, aber er erzeugt sie in einem sehr schmutzigen Umfeld. Wir schießen ja Protonen auf Protonen, die bestehen aus Quarks und Gluonen. Das heißt, bei den Kollisionen selbst ist die Energie der Kollision nicht bestimmt. Das ist der Nachteil und gleichzeitig der große Vorteil eines Hadronbeschleunigers, weil es finden alle Experimente beim ganzen Energiespektrum gleichzeitig statt. Und die Bruchteile des Protons fliegen weiter. Also es ist eine sehr schwierige Umgebung. Hingegen hätte man einen Elektron-Positron-Kollider, wie der Vorgänger des LHC war, nur bei höheren Energien, dann kann man die Elektron-Positronen, das punktförmige Teilchen, Sie erinnern sich, so die Energie so einstellen, dass Higgs-Bosonen mit viel höherer Wahrscheinlichkeit erzeugt werden und auch bei genau definierten Energien in einer sehr klaren Experimentierumgebung Und mit einer solchen Maschine, wir nennen diese Maschine, an der wir derzeit planen und eine Machbarkeitsstudie machen, den FCCEE, Future Circular Collider Elektron, damit könnten wir Higgs-Boson extrem genau untersuchen und vielleicht Hinweise auf die eine oder andere Frage, die ich vorher aufgeworfen habe, oder die Sie jetzt aufgeworfen haben, finden.

Tim Pritlove
1:27:15
Manfred Krammer
1:27:20
Tim Pritlove
1:28:15
Manfred Krammer
1:29:05
Tim Pritlove
1:29:08
Manfred Krammer
1:29:13
Tim Pritlove
1:29:41
Manfred Krammer
1:29:46
Tim Pritlove
1:29:58
Manfred Krammer
1:30:05
Tim Pritlove
1:30:52
Manfred Krammer
1:31:01
Tim Pritlove
1:31:21
Manfred Krammer
1:31:47
Tim Pritlove
1:32:18
Manfred Krammer
1:32:44
Tim Pritlove
1:33:20
Manfred Krammer
1:33:26
Tim Pritlove
1:34:13
Manfred Krammer
1:35:04
Tim Pritlove
1:35:06